17.07.2011

Der Geschmack von Feigentiramisu

Der Nieselregen begann als ich den ersten Schritt aus der Gebläsehalle machte. Über den roten Teppich, von zerdrückten Rosenblättern gesäumt, schlich ich mich hinaus in die kühle Nacht. Ein, zwei Schritte, meine nackten Füße berührten den Asphalt. Überall lagen Zigarettenstummel, ich musste aufpassen, wo ich hintrat. Niemand hatte bemerkt, wie ich mich davon gestohlen habe. Von Müdigkeit, Alkohol und kaputten Füßen gezeichnet. Es war kurz nach drei, kein Mensch mehr unterwegs, die Schuhe hatte ich in die Hand genommen. Die plötzliche Stille rauschte in meinen Ohren, der leichte Schmerz durch die harte Straße unter meinen Füßen tat mir gut. Langsam kam ich wieder klar - das letzte Glas zum Abschied hätte ich mir sparen sollen. Die Welt hörte sich langsam auf zu drehen, ich konnte wieder besser sehen. Erschreckend, was der Alkohol alles mit der Wahrnehmung anstellt, dachte ich. Während ich vorsichtig Schritt für Schritt Zuhause näher kam, zog ich mir langsam alle Spangen vom Kopf. Meine von Haarspray arg gezeichneten Haare entspannten sich dankbar und fielen schlaff und lustlos auf die Schultern. Eine Wohltat, waren sie doch so eng gesteckt, dass langsam pochende Kopfschmerzen einsetzten. Der immer stärker werdende Nieselregen ließ mein Make-Up verschmieren, vor Kälte fing ich an zu zittern. Nur noch zwei Straßen. 
Schön, wieder zuhause zu sein. Der Weg ist so vertraut, man kennt fast jeden Hausbesitzer, alles so friedlich, still und sauber. Keine Autos rasen nachts am Fenster vorbei, lassen mich unruhig schlafen. Schade, dass ich nicht immer hier sein kann, mit den Annehmlichkeiten der Großstadt, dachte ich wehmütig und ein wenig melancholisch. Es ist ein anderes Feiern, mit seinen besten Freunden, den Menschen, denen man alles anvertrauen kann, denen man nicht mehr erklären muss, warum man jetzt nach Hause geht, alleine und lieber zu Fuß. Um die Welt um sich herum zu spüren und Zeit zum Nachdenken zu haben. Es ist ein anderes Feiern, wenn alle sich herausgeputzt haben für den wichtigsten Tag im Leben zweier Menschen. Der süße Alkohol. Seltsam, was für Gedanken einem im Suff kommen. Wieso wird man eher traurig als glücklich, wenn man trinkt? Wieso denkt man eher über die Vergangenheit nach als über die Zukunft? Wieso will man ab einem bestimmten Pegel lieber für sich allein sein als den Rausch mit seinen besten zu genießen? 
Man munkelt, das Leben sei nicht so einfach, so viele Entscheidungen sind zu fällen. Gerade jetzt, mit Anfang 20. Links oder rechts den Weg einschlagen? Drama, Baby. Sehr intensive und tolle Gespräche gehabt an dem Abend. Mit Menschen, die die Weisheit schon 40 Jahre länger löffeln als ich. Menschen, die schon Entscheidungen getroffen haben, die Familie haben, die erfolgreich sind und ihren Lebensweg als "alles richtig gemacht" quittieren. Werde ich in 40 Jahren auch so reden können, voller Stolz? Ich hoffe es. Ganz in Gedanken bemerkte ich erst gar nicht, wie mir eine getigerte Katze mit einigem Abstand folgte, sie störte mich nicht weiter. Wenigstens ein bisschen Begleitung auf dem langen Fußmarsch. Wenn man doch nur in die Zukunft schauen könnte.
Die Hauptstraße war hell beleuchtet, der Fußweg gut zu erkennen, doch die Seitenstraßen waren dunkel und so tastete ich mich Richtung Bett. Unter Schmerzen, denn einige Stellen waren mit Rollsplit ausgelegt. Aber ich hielt es aus, besser als die Schuhe wieder anzuziehen war es allemal. Alkohol stumpft ab, so auch das Schmerzempfinden, stellte ich dankbar fest. Während meines nächtlichen Spaziergangs dachte ich noch einmal über den schönen Abend nach: Letztlich sucht man doch denjenigen, den man im Leben nie wieder missen möchte. Dessen Vater zu mir sagt: schön, dich in der Familie willkommen zu heißen. Das ist doch der Sinn, wahrscheinlich. Das ist nicht kitschig, das ist schön. Was im Leben zählt, einzig wahrscheinlich. Nicht nur Liebe, unsere Mitmenschen sind es. Füreinander da sein und miteinander erleben. Erleichtert und erfrischt vom kalten Niesel, zog ich meinen Schlüssel aus der Tasche, ich stand vor unserem Haus. Schloss meine Haustür auf, schlich mich nach oben. Hochzeiten sind etwas ambivalentes. Einerseits die große Freude für und mit dem Brautpaar, etliche Gäste feiern, dass sich zwei gefunden haben, es sind die alten Gesellschaftswerte, auf die angestoßen wird. Haus, Baum, Sohn. So soll es sein. Doch gibt es auch die Momente, in denen man am Tisch sitzt, an seinem Glas nippt und all die Paare sieht, die sich an diesem Tag noch ein wenig verliebter anschauen, ihre Blicke sagen: das will ich auch mit dir. Und man weiß,  wahrscheinlich werden einige es nicht bis dahin schaffen. Wir verändern uns. Wollen die alten Werte, entfernen uns davon aber fast unvereinbar mit dem modernen Lebensstil, der Gleichberechtigung, dem Drang nach Erfolg. Die Ehe ein nicht mehr zu vereinbarendes Auslaufmodell? Ich hoffe nicht.
Ich öffnete noch auf dem Weg ins Bad mein Kleid, ließ es geräuschlos fallen, wusch mir das Gesicht, verzichtete besserwissend auf einen letzten Blick in den Spiegel und fiel danach völlig erschöpft ins Bett. Da bemerkte ich erst, wie meine Füße vor Überanstrengung pochten. Wir wünschen uns alle, unseren Weg zu finden, maximal viel von der Welt zu sehen, maximal viel zu erleben, maximal erfolgreich zu sein und aus der Summe dieser Erlebnisse maximal glücklich zu werden. Freiheit vor Zweisamkeit, lieber alleine alles entscheiden, statt überhaupt ein Kompromiss zugunsten der Liebe einzugehen. Doch letztlich wünschen wir uns trotz allem eine Familie, jemanden, der uns bedingungslos achtet, liebt und an unserer Seite steht, mit dem wir all das teilen können, denn so sind wir nun einmal. Das letzte, was ich an dem Abend hörte, war das leise Prasseln des Regens auf das Dach. Mit dem Fenster weit geöffnet, kurz vor der Dämmerung, schlief ich ein und begann wahrscheinlich fürchterlich laut zu schnarchen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Wenn man doch nur in die Zukunft schauen könnte."....wäre das Leben einfach nur langweilig ;-)

mit diesen Gedankengängen bist du sicherlich nicht alleine, auch wenn man das ab und zu denken mag...

Da.Bö hat gesagt…

"Wir wünschen uns alle, unseren Weg zu finden, maximal viel von der Welt zu sehen, maximal viel zu erleben, maximal erfolgreich zu sein und aus der Summe dieser Erlebnisse maximal glücklich zu werden." - Und genau hier liegt das Problem der Gesellschaft. Ein bis zwei Maxime sind vielleicht komplimentär, jedoch liegt es erst seit kurzem in der Natur des Menschen "MULTIMAXIMAL" zu sein. Zwangsläufig werden dadurch die alten Traditionen ,sowie Werte und Normen überflüssig. Es enstehen neue Werte...Ein Leben lang Single, um so viel Geld wie möglich zu verdienen. Aber mit wem teilen...?! LIEBE IST GUT!

Ein sehr schönes schreiben Lisa. GEFÄLLT!

Beste Grüße, D.B ;)

Lisa hat gesagt…

Danke schön, Daniel :) Viva la revolución! So ists richtig.

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